Kunstmuseum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten

Vue du Village et du Lac de Brienz, um 1780 Kind mit Blumenstrauss

Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten

21.9.2019 bis 2.2.2020
Souvenir Suisse
Meisterblätter aus der Stiftung Familie Fehlmann
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2. März 2019 bis 5. Januar 2020
Rich Kids
Kinderportätminiaturen der Schenkung Briner und Kern
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Souvenir Suisse
Erinnerungen sind das Bleibende im Gedankengut von Reisenden, heute wie damals. Seien es Fotos, Postkarten oder Ansichten der besuchten Gegenden oder das gute alte Skizzenbuch. Sie alle sind hilfreiche Gedankenstützen. Als die Schweiz im 18. Jahrhundert zum Reiseziel und als «Tempel der Natur» beschrieben wurde, in dem man «bey jedem Schritte die wunderbarsten Abwechslungen der herrlichsten Aussichten erwarten» durfte, war der Boden für einen blühenden Tourismus geschaffen. Damit einher ging eine neue Art der Bildproduktion, die eben dieser Erinnerung diente: In den 1760er Jahren erfand der Winterthurer Landschaftsmaler, Zeichner und Radierer Johann Ludwig Aberli die handkolorierte Umrissradierung, eine klug gewählte Mischung zwischen Druckgraphik und Aquarell. Als «Aberlische Manier» bekannt, wurde sie in der Folge von Künstlern wie Heinrich Rieter und Gabriel Lory aufgenommen und weiterentwickelt. Ihre bezaubernden Blätter waren hochbezahlte Souvenirs, die als Abbild des «Arkadien Europas» weite Verbreitung fanden.
Die Stiftung Familie Fehlmann in Winterthur, die 2016 auf Initiative des Winterthurers Heinz Fehlmann-Sommer (1919–2015) gegründet worden ist, besitzt eine faszinierende Sammlung dieser Druckgraphik in «Aberlis Manier». Von seinem Vater Heinrich Fehlmann-Richard (1880–1952) in jahrelanger Beschäftigung und mit viel Liebe und Kennerschaft zusammengetragen, werden die Blätter nun zum hundertsten Geburtstag des Stiftungsgründers erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Zusammen mit den reichen Beständen an Gemälden und Zeichnungen im Kunst Museum Winterthur zeigt die Ausstellung ein facettenreiches Bild der Schweiz, das ihre Wahrnehmung im Ausland nachhaltig prägte und wesentlich zur Identitätsbildung der Schweiz, wie wir sie heute sehen und verstehen, beitrug.

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Rich Kids
«Rich Kids» würde man sie heute wohl nennen, die Kinder, die Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Porträtminiaturen festgehalten wurden. Statt teurer Autos und vergoldeter Uhren beeindruckten sie elegant gekleidet, mit kirschroten Mündchen, geröteten Wangen und goldblond gelocktem Haar. Die Miniaturbildnisse waren wertvolle Erinnerungsstücke und Präsentationsobjekte von stolzen Müttern und Vätern; oder aber Statussymbole, durch die der soziale Rang kommuniziert wurde, vergleichbar den heutigen «Rich Kids» auf Instagram.
Eine Auswahl an Miniaturen aus dem reichen Fundus der Schenkungen Briner und Kern stellt diese Kinderporträts nun vor. Es ist spannend zu sehen, wie sich diese Porträts über die Zeit veränderten: So wurden vor 1900 – und entgegen aller aufklärerischen Tendenzen – Kinder nicht in ihrer individuellen Eigenständigkeit gesehen, sondern als ungeformte Wesen, die nach den Vorstellungen der Erwachsenen gestaltet werden mussten.

Die Kindheit in adligen und bürgerlichen Kreisen verlief häufig ohne emotionale,
elterliche Zuwendung. Erzieher und Bedienstete wurden zu Bezugspersonen der Kinder. Standesgemässe Etikette galt als Erziehungsgrundsatz. Die Emanzipation des Bürgertums und die Industrialisierung bewirkten zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine tiefgreifende Veränderung der sozialen und emotionalen Beziehung in der Familie. Die Hausfamilie, zu der neben den Eltern und mehreren Kindern auch die Grosseltern und die Bediensteten gehörten, wurde von der Eltern-Kind-Familie abgelöst. Auch die Bildung der Kinder wurde neu ausgelegt. Im Vordergrund stand nun die Sozialisation des Kindes, die Integration in die Gesellschaft.

In der Ausstellung Rich Kids lässt sich der gesellschaftliche Wandel im Verhältnis Eltern-Kind anhand von erlesenen Miniaturen bildhaft nachvollziehen.