Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus

26.3.–11.9.2022
Gerry Schum
21.5. – 14.8.2022
Welt aus den Fugen

Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus,
Museumstr. 52, 8400 Winterthur
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26. März – 11. September 2022
Gerry Schum
Fernsehgalerie
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21. Mai – 14. August 2022
Welt aus den Fugen
9 Installationen
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Gerry Schum / Fernsehgalerie
Am 15. April 1969, 22.40 Uhr, wurde vom Sender Freies Berlin das Programm Land Art bundesweit ausgestrahlt. Die sogenannte Fernsehgalerie, eine Initiative von Gerry Schum (1938–1973), war eine Pioniertat im Massenmedium Fernsehen, heute ist sie legendär. Schum gelang es damals, den Sender für ein ausserordentliches Kunstprojekt zu gewinnen und acht Filme mit Künstlern wie Richard Long, Walter de Maria und Mike Heizer zu realisieren. Allerdings handelt es sich nicht um dokumentarische Filme über Kunst. Es waren vielmehr von den Künstlern selbst konzipierte Werke, die sie zusammen mit Schum und Ursula Wevers im Medium Film realisierten. In der Aufbruchszeit Ende der 1960er Jahre veränderte sich die Kunst radikal, das Verhältnis von Künstler und Institution wurde in Frage gestellt, neue Vermittlungskanäle wurden gesucht. «Die Fernsehgalerie ist mehr oder minder eine geistige Institution, die nur im Augenblick der Ausstrahlung durch das Fernsehen Wirklichkeit wird. Das ist kein Ort, um greifbare Kunstobjekte zu zeigen, die man kaufen und nach Hause tragen kann. Eine unserer Ideen ist die Kommunikation von Kunst anstelle des Besitzes von Kunstobjekten.» (Gerry Schum)

Die zweite und letzte Fernsehgalerie unter dem Titel Identifications versammelte Werke von zwanzig Kunstschaffenden; sie wurde am 30. November 1970 spätabends in der ARD ausgestrahlt. Anders als erhofft, erhielt die Fernsehgalerie keinen dauerhaften Programmplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Im Rückblick verblüffen indes seine visionäre Idee und die hohe Qualität der Werke.

Das Kunst Museum Winterthur verfügt dank der Dauerleihgabe aus der Sammlung Agnes und Frits Becht über nahezu den gesamten Bestand von Gerry Schums Videoproduktion. Die Winterthurer Präsentation ist die erste Schweizer Museumsausstellung zu diesem visionären Projekt.
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Welt aus den Fugen / 9 Installationen
Klimawandel, Pandemien und unzählige Konflikte führen zu einer grundlegenden Desorientierung, welche die heutige Zeit prägt: Die Welt scheint regelrecht aus den Fugen geraten zu sein. Althergebrachte Erklärungsmuster taugen nicht mehr, um der Komplexität der Gegenwart beizukommen, die zwischen digitaler Kommunikation und radikalem Individualismus, Vergangenheit, Gegenwart und einer ungewissen Zukunft oszilliert. Orientierungslos zwischen Innovation und Tradition wechselnd, befindet sich die westliche Gesellschaft im permanenten Krisenmodus.

Die Kunst reflektiert diese Phänomene und entwickelt dazu ihre eigenen Strategien der Auseinandersetzung. Gerade in raumgreifenden Installationen ist das Publikum mit einer Fülle von Informationen und Ereignissen konfrontiert, welche die Aufnahmefähigkeit zeitgleich strapazieren. Die klare Trennung zwischen Kunstwerk und Publikum löst sich zugunsten multimedialer Räume auf, in denen Internet und Digitalisierung tragende Rollen übernehmen. Installationen werden nicht betrachtet, sondern erlebt; sie setzen einen interaktiven Prozess in Gang, der gleichzeitig vielfältige Denkansätze fördert.

Die Ausstellung vereint Installationen von neun internationalen Kunstschaffenden der jüngeren Generation. Alle Installationen befassen sich mit anderen inhaltlichen Aspekten, seien dies künstliche Intelligenz, Ökologie oder Genderfluidität. Sie veranschaulichen, dass gesellschaftliche Fragen nicht mehr gültig beantwortet werden können. Jede für sich bildet einen Kosmos, der vom Zusammenspiel von Zeit und Raum, von unterschiedlichen Objekten und medialen Formaten lebt. Diese innere Dichte wird vom Publikum fortwährend mitproduziert, indem es sie ordnet und situativ zusammensetzt. Zusammen erwecken die neun Installationen das Bild einer aus den Fugen geratenen Welt, in der Ambivalenzen bis zur Schmerzgrenze auszuhalten sind – um sie produktiv zu deuten.

Mit:
Ed Atkins
Julian Charrière
Simon Denny
Lizzie Fitch/Ryan Trecartin
Fabien Giraud & Raphaël Siboni
Anne Imhof
Pamela Rosenkranz
Sung Tieu
Raphaela Vogel

Kurator: Lynn Kost